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Eine Opernkritik zu Verdis Falstaff
20. Juni 2007 14:48
Alter: 10 Jahre


VON: ANDREAS MEIER


Rubrik: Konzertkritiken

Verdis Alterskomödie in der Abschiedsinszenierung von Eike Gramss



Dieser Kritik liegt die Aufführung vom Montag, 04. Juni 2007 zugrunde.

Verdis Falstaff in der glanzvollen Inszenierung von Eike Gramss im Stadttheater Bern

Von den Begeisterungsstürmen der Uraufführung im Jahr 1893 berichten bestenfalls noch die Quellen längst vergangener Tage. Sehr viel unmittelbarer sind die überschwänglichen Bravo-Rufe aus dem begeisterten Publikum im Berner Stadttheater zu vernehmen, welche die Aufführung von Verdis Alters-Komödie Falstaff in Eike Gramss‘ lebendiger und aktueller Inszenierung kommentieren. Eine Inszenierung mit zahlreichen witzigen Bezügen zur Gegenwart, einem hervorragenden Ensemble junger Stimmen, allen voran der Italiener Nicola Alaimo in der Titelrolle und nicht zuletzt das hochmotivierte Berner Sinfonieorchester unter der kundigen und umsichtigen Führung von Maestro Dinic, liessen den Opernabend für alle zu einem Genuss werden.

„Die Zeit vergeht mit ihrer Lust!“ mag sich wohl der alternde und mit den Jahren auch etwas heruntergekommene Ritter, Sir John Falstaff gesagt haben, als er zur Dynamisierung seines eigenen Liebeslebens an zwei Damen zwei Briefe mit aber nur einem Inhalt schreibt. Seine plumpen Absichten werden prompt durchschaut und die beiden Damen gehen zum Schein auf den Inhalt der Briefe ein. Die Intrige nimmt ihren Lauf und das Karussell um Sir John beginnt sich zu drehen. Selbst das gelungene Bühnenbild, erdacht von Christoph Wagenknecht, bietet ihm weder Unterschlupf noch Halt. Auf einer kreisrunden abfallenden Fläche in der Mitte der Bühne scheint alles in die Binsen zu gehen, was nicht niet- und nagelfest ist.

Viel sicherer bewegt sich hier der junge italienische Bariton Nicola Alaimo in seiner Rolle als alternder Schwerenöter, der einmal stimmgewaltig grollend seinem Unmut Luft verschafft, dann wieder mit köstlich verstellter Stimme sich und seine Umgebung karikiert und trotz üppiger Körperfülle mit traumwandlerischer Sicherheit über das schiefe Rund flitzt. Dass ihm am Theater Bern die Bariton-Paraderolle schlechthin anvertraut wurde, dankte der Künstler letztlich mit beeindruckendem Stimm- und Körpereinsatz.

In weiteren Rollen standen Robin Adams als Ford und Barbara Bargnesi als Nannetta dem Protagonisten in nichts nach. Einzig die Rolle des Fenton blieb in der Interpretation von James Elliot etwas konturlos. Die beiden Schweizerinnen Ursula Ferri als Mrs. Quickly und Claude Eichenberger als Meg Page erbrachten ebenfalls eine reife Leistung.

Das Berner Sinfonieorchester  erwies sich während der gesamten Aufführung als zuverlässiger Partner. Abrupte Tempowechsel, rhythmisch vertracktes wurde ebenso gemeistert wie exponierte Orchestersoli. Besonders erfreulich fiel dasjenige des Englischhorns auf. Das geschlossen und homogen agierende Bassregister war um die harmonische Stabilität besorgt. Einzig in den Hörnern und im hohen Blech wähnte man die Zweitbesetzung am Werk.

Wenn zum Schluss der Aufführung das gesamte Ensemble zur grossen Spottfuge ansetzt und dabei auch noch unmerklich langsam der Zuschauerraum erhellt wird, mag sich wohl der eine oder andere peinlich berührt fühlen und ob dem vorgehaltenen Spiegel ein metaphysisches Gruseln verspüren, wie es dereinst der Berner Mani Matter von einem Frisörbesuch berichtete. „Wir sind alle geprellt!“ sinniert Falstaff zum Schluss. Nicht geprellt waren die Zuschauer, die sich diese rundum gelungene Aufführung im Berner Stadttheater geleistet hatten.








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