La Paz - Die verrückteste Stadt Boliviens

Zitat: "Bolivien Reisekompass" © www.Sebra-Verlag.de, Hamburg;  © Hella Braune und Frank Semper

La Paz ist der Regierungssitz Boliviens, der administrative Kopf des Landes, während die verfassungsmässige Hauptstadt Sucre ist.

Die grösste Stadt des Landes liegt spektakulär in einer gewaltigen Talsenke, deren hellgrau- und bräunlichgefärbte Ränder steil abbrechen. (Anmerkung von Andreas Meier: Will man dem "Censo", der Volkszählung von 2001 Glauben schenken, so hat Santa Cruz den ersten Platz der grössten Städte Boliviens übernommen.)

Die Häuser hängen wie Bienenwaben übereinander. Wenn man die geschwungene Autopista vom höchsten Flughafen der Welt in El Alto wie auf einer Achterbahn ins Zentrum hinuntersaust, geht der Blick über die Hochhäuser, die weit unten liegen und deren Glasfassaden in der Sonne blinken. Das Kraterloch hat einen Ausgang nach Süden, und diese Lücke besetzt der Wächter der Stadt, der mächtige, schneebedeckte Illimani. Der Berg ist zwar noch immer 60 Kilometer entfernt, aber die klare Luft in dieser Höhenlage lässt ihn zum Greifen nah erscheinen. Schaut man über den Kraterrand, dann gewinnt man den Eindruck, La Paz sei dem Mond näher als dem Meer.

Die Bodensenke la hoyada ist das Resultat einer immensen Flutwelle am Ende der letzten Eiszeit, als die Gletscher rasant dahinschmolzen. Der gewaltige Druck schlug die senkrechten Wände aus dem Boden. Die gezackten Formen der Balkone, Kanzeln und Felsorgeln entstanden durch die nachfolgende Erosion.

Die Stadt erstreckt sich über annähernd 1000 Höhenmeter, die zwischen den unverputzten Ziegelhütten der Indios von El Alto und den Villen der Reichen im äussersten Süden liegen. In den tiefergelegenen Regionen lebt sichs besser, die Luft ist nicht mehr so dünn, die Temperaturen steigen, und die Natur trägt bunte Farben.

La Paz ist in Wirklichkeit nicht eine Stadt, sondern eine Doppelstadt oder zwei Städte. Ganz offiziell wurde sie 1985 in La Paz und El Alto aufgeteilt, eine scheinbar widersinnige Teilung, wo doch alle anderen Grossstädte dieser Welt ihr Umland eingemeinden. Doch in Bolivien gibt es hierfür tiefgehende Ursachen.

Seit den Anfängen der Stadt leben Indianer und Weisse nebeneinander nach unterschiedlichen Vorstellungen und Wertmassstäben. Diese Zweiteilung bestimmt nicht nur das Relief, sondern ebenso seine Bewohner.

Auch das klassische La Paz, die Bodensenke, hat zwei Zentren. Die Weissen regieren an der Plaza Murillo, umgeben von den Regierungsgebäuden und der Kathedrale. Vor dem Präsidentenpalast salutiert die Ehrengarde in gelber Uniform mit aufgepflanztem Bajonett und Tornister auf dem Rücken. In den Hauseingängen liegen schwere burgunderrote Läufer, und an den Decken hängen Kristallüster. Am Sonntag regiert hier die Kaffeetafel und das unvermeidliche Blasorchester.

Das indianische La Paz beginnt auf der Plaza San Francisco vor der Franziskanerkirche mit ihrem reichverzierten Portal aus Mestizenbarock. Von hier führt die gepflasterte Calle Sagarnaga steil bergauf, bis sie sich zu einem Strassengewirr voller Marktstände verzweigt. Hier sitzen die mit Schultertuch und Bowler bekleideten Cholas hinter ihren kunstvoll aufgebauten Warenpyramiden.

Die Cholas, zärtlich cholitas genannt, bestimmen das Stadtbild und den Tagesablauf von La Paz. Im Morgengrauen fegen sie die Strassen, am Tage arbeiten sie auf dem Markt oder als Haus -und Kindermädchen für die feinen Leute.

Die Hauptverkehrsader, der Prado, durchschneidet die Stadt an ihrer tiefsten Stelle.

Bestimmt wird der grosse Boulevard am Anfang und Ende von zwei Reiterstandbildern, die die Staatsgründer Bolivar und Sucre verewigen.

Im geschäftigen Zentrum liegt alles eng beieinander, Banken und Behörden, Zeitungsgebäude und Cafes. La Paz ist eine Grossstadt mit Kleinstadtcharakter.

Architektonisch betrachtet bietet sie eine wilde Mischung unterschiedlicher Baustile aus modernen Hochhäusern, viktorianischen Villen und verschnörkelten Belle Epoque Palästen der 20er Jahre.

Stadtgeschichte

La Paz wurde 1548 durch Alonso de Mendoza zunächst auf dem Altiplano gegründet, an der Stelle, wo heute der Ort Laja liegt. Doch der eisige Wind trieb das kleine Häuflein Spanier bereits nach drei Tagen in die nahegelegene Bodensenke des heutigen La Paz. Der vollständige Name der Ansiedlung war Nuestra Senora de La Paz und sollte ein Symbol für den Friedensschluss zwischen den Anhängern Almagros und Pizarros sein, die die junge Kolonie in einem jahrelangen, blutigen Bürgerkrieg aufgerieben hatten.

Allerdings gefiel den Spaniern auch der windgeschützte Krater mit den steilen Abhängen nicht besonders. Es war kein gutes Pflaster für die Pferde und im Rio Choqueyapu gab es längst nicht soviel Gold wie anderswo. Ausschlaggebend für die Gründung von La Paz war daher eher die strategische Bedeutung. Die Ansiedlung verkürzte die Silberroute von Potosi nach Lima, die Hauptstadt des Vizekönigreiches. Ausserdem lag La Paz am Schnittpunkt verschiedener Indianergemeinden, inmitten der bevölkerungsreichsten Region des Altiplano, und es war nicht weit in die Yungas und das angrenzende Amazonasgebiet. Zunächst wurden die Indianer aus Churupampa vertrieben, dem heutigen Stadtteil San Sebastian.

La Paz wurde wohl auch deshalb - zunächst - nicht Regierungssitz, weil die Kreolen die vielen Indianer fürchteten und eine Verständigung wie in Sucre nicht möglich war. Während der Indianerrevolte von 1781 blieb La Paz nur deshalb das Schicksal des überfluteten Sorata erspart, weil die Indianer die aufgestauten Wassermassen nicht rechtzeitig zu Tal jagen konnten. Nach der Unabhängigkeit des Landes wuchs La Paz rasant, und die politischen Gewichte verlagerten sich von Sucre in den Talkessel. Der militärische und politische Sieg der Liberalen unter Präsident Pando war 1899 der Beginn der neuen Ära.

Mit dem »Hauptstadtwechsel« setzte ein grosser Bauboom ein. Neben Regierungsgebäuden entstanden Villen mit verschnörkelten Erkern und Baikonen im Stil der Belle Epoque. Die Art Deco und Bauhaus Einflüsse kamen aus Paris und Buenos Aires. Zu jener Zeit galt die Leidenschaft der Pacenos dem Pferderennen, das nicht auf der Rennbahn, sondern auf den Strassen ausgetragen wurde.

Das koloniale Gepräge der Stadt wurde bereits Ende der 40er Jahre ausgelöscht. Nur noch wenige Reste finden sich heute in der Calle Jaen.

Die liberale und moderne Führungsschicht lehnte das koloniale Erbe ab, das sie mit dem konservativen Geschmack von Sucre gleichsetzten. Den Indianern war das eine wie das andere sowieso egal.

Der Illymani