Potosi - Die Stadt wo einem schon mal die Luft ausgeht...

Zitat: "Bolivien Reisekompass" © www.Sebra-Verlag.de, Hamburg;  © Hella Braune und Frank Semper

Der Silberberg dominiert die Stadt und das nicht nur optisch. Er bestimmt das Schicksal Potosis von seiner Gründung im Jahre 1545 bis heute.

Von welcher Seite man sich auch der Stadt nähert, immer hat man den Cerro Rico, den majestätischen Kegelberg, im Blickfeld. Er thront 800 Meter über der Stadt und hat Potosi von der einst reichsten Metropole zum vergessenen Armenhaus Boliviens gemacht.

Die leidvolle Geschichte der Stadt begann mit einer indianischen Legende. Im Jahre 1545 hütete der Lamahirte Huallpa auf dem Cerro Rico seine Herde. Zwei seiner Tiere hatten sich von der Herde entfernt. Er folgte ihren Spuren und wurde von einem gewaltigen Sturm überrascht, der ihn zu Boden warf. Er schlug auf einen Stein und war bewusstlos. Doch die Bewusstlosigkeit war nur von kurzer Dauer, sonst wäre er erfroren, da die Dunkelheit inzwischen eingebrochen war. Er entfachte ein Feuer, um sich zu wärmen. Die lodernden Flammen beleuchteten einen hellschimmernden Pfad. Huallpa sass auf der reichsten Silberader der Welt. Er weihte einen Freund ein und entwickelte mit ihm einen Plan, wie das Edelmetall gefördert werden könnte.

Schnell kam es zu Unstimmigkeiten zwischen den Geschäftsfreunden. Huallpa suchte einen neuen Partner und nahm Kontakt zu den Spaniern auf. Der Hidalgo Diego de Centeno liess die erste Mine mit dem Namen La Descubridora 1546 eintragen. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht in der Kolonie und gelangte ins spanische Mutterland. Noch im gleichen Jahr wurde Potosi gegründet. In den ersten Jahren war es nicht einmal nötig, Stollen in den Berg zu treiben. Die Silbererze wurden im Tagebau abgetragen und ohne Zwischenschritte geschmolzen.

Auf Druck der Kirche hatte Kaiser Karl V., der Herrscher des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und König von Spanien, die Leyes de las Indias erlassen, ein Gesetzespaket, das die Ausbeutung der Indianer einschränken sollte. Denn im Gelehrtenstreit zwischen den Theologen und Juristen in Spanien hatten sich zunächst einmal die Befürworter um den Dominikanerpater Bartolome de las Casas durchgesetzt, die in den Indianern Menschen und keine Tiere sahen.

Die Minenbesitzer in Potosi hielten nichts von diesen aufgeklärten Ideen, die es ihnen unmöglich machten, indianische Arbeitskräfte für die Bergwerke zu rekrutieren. Anderorten behalf man sich mit dem Import von schwarzen Sklaven, aber Potosi lag zu hoch und zu weit von der Küste entfernt, um dieses Geschäft rentabel zu machen.

Der Vizekönig Francisco de Toledo stand vor der Aufgabe, dieses Dilemma im Interesse der Staatsfinanzen und ohne die Kirche zu verärgern, vernünftig zu lösen. Er nutzte den Spielraum, den die allgemein gehaltenen Vorschriften der Krone liessen und machte sich das inkaische Arbeitssystem, die Mita, zunutze. Alle Dörfer des Hochlandes mussten Arbeitskräfte für die Minen abstellen. Im siebenjährigen Turnus ging jeder Indianer für ein Jahr in den »Teufelsberg«. Zum Ausgleich versprach die Krone einen umfangreichen Katalog an »Sozialleistungen«. Lohn, Verpflegung - nebst Kokablättern - und geregelte Arbeitszeiten wurden festgelegt. In der Anfangszeit erhielten die Mitayos sogar einen Vorbescheid, der sie zwei Monate vor Arbeitsantritt aufforderte, sich bereit zu halten.

Die Minenbesitzer kümmerten sich wenig um die sozialverträglichen Ausgestaltungen der ordenanzas, wie die Gesetze Toledos hiessen. Die Mitayos starben jetzt nicht nur an Staublunge, sondern auch noch an den Folgen von Quecksilbervergiftungen. Das Amalgamverfahren in den Silbermühlen war nicht nur effektiver, sondern auch besser zu kontrollieren, denn die einzige Quecksilbermine in Huancavelica (Peru) gehörte der Krone.

Der Silberrausch der Villa Imperial, der kaiserlichen Stadt, wie sie seit 1610 hiess, war nicht zu stoppen. Damals gehörte die Stadt mit ihren 160 000 Einwohnern gemeinsam mit Sevilla, Venedig und London zu den Weltmetropolen. Die spanische Oberschicht gab sich europäisch und liess die exquisiten Waren aus der alten Welt importieren. Die teuersten französischen Huren sorgten in den zahlreichen Bordellen für rauschende Nächte. In den 36 Casinos tummelten sich die Falschspieler an den Pokertischen. Die Hufe der Pferde, selbst die Nachttöpfe waren aus reinem Silber und bei Prozessionen wurden die Wege mit Silberbarren gepflastert.

Mitte des 17. Jahrhunderts hatte man dem »reichen Berg« soviel abgetrotzt, dass das Silber für eine Brücke aus dem Edelmetall bis zum Mutterland gereicht hätte. Potosi produzierte die Hälfte des gesamten Weltsilbers. Das Silber aus Potosi deckte 25 % der Gesamteinnahmen des spanischen Haushalts.

Am Ende der Koloni alepoche erreichten die Silberpreise ihren Tiefstand, und die erschöpften Minen in Potosi wurden vollends unrentabel. Die Silberproduktion verlagerte sich nach Oruro, wo neue Minen entdeckt worden waren. Erst mit der Zinnära zu Beginn des 20. Jahrhunderts erlangte auch Potosi wieder an bescheidener Bedeutung.

Potosi heute

Die Stadt liegt weit abseits der Wirtschaftsachse La Paz – Cochabamba - Santa Cruz. Trotz der Bergbaukrise dominieren nach wie vor die Minen. Minero ist ein Traditionsberuf, den man nicht so einfach aufgibt, auch wenn die Arbeitsbedingungen hart und die Löhne niedrig sind. Trotzdem finden nicht alle Potosinos eine Beschäftigung und viele sind bereits als billige Erntearbeiter nach (Nord-)Argentinien und Santa Cruz abgewandert. Zu den Minen gibt es keine wirkliche Alternative. Der Tourismus soll ein neuer wichtiger Wirtschaftszweig werden. Doch ohne die Arbeit in den Schächten des Cerro Rico wird die Stadt ihre Attraktivität verlieren und könnte wie so viele andere Minenstädte zur Geisterstadt werden. Noch ist es nicht soweit. Immer noch spuckt der Berg nach Jahrhunderten gnadenloser Ausbeutung Edelmetall aus. Die Preise für Silber, Zinn und Zink haben sich erholt, und es werden schon wieder kleine Gewinne gemacht. Potosi ist eben doch keine Stadt wie jede andere - der Berg, die wunderbaren Kirchen, die dünne Luft in der Höhe und die vielen Geschichten, die sich um Reichtum und Niedergang ranken, all das wird seinen Reiz nicht verlieren. Das Gastronomie- und Hotelgewerbe ist in den letzten Jahren innovativ geworden. Artesaniageschäfte und Werkstätten (talleres) sollen der mehrheitlich indianischen Bevölkerung ein Auskommen sichern.

Restaurierung

Die Restaurierung des kolonialen Erbes begann in den 60ern mit der La Moneda. Die Instandsetzung der zehn bedeutendsten Kirchen wurde in den 70ern und 80ern mit UNESCO-Unterstützung sowie deutschen und spanischen Geldern in die Wege geleitet.

Seit den 90er Jahren wird ein Generalplan für Potosi entwickelt. Schwerpunkt dieses Planes ist der Erhalt der zentralen Strassenzüge, insbesondere der Calle Quijarro im alten spanischen Viertel. Ein gleichermassen wichtiges Projekt ist die Wiederherstellung der Ingeniös, der alten Silberaufbereitungsanlagen, am Rande der Altstadt. Mit der Restaurierung und Umgestaltung von San Marco in einen Komplex mit Restaurant und Werkstätten ist 1997 ein erster Schritt getan worden. Die meisten Ingeniös liegen in Ruinen und wurden lange Zeit als Abwassergräben genutzt. Die Reaktivierung des alten Bewässerungssystems entlang einer 15 Kilometer langen Linie wird auch für die (Trink-)Wasserversorgung der Stadt eine neue wichtige Bedeutung erlangen.

Mit der Durchführung der Stadtsanierung ist der Plan de Rehabilitacion de las Areas Historicas Potosi (PRAHP) betraut worden, Calle Ayacucho 30. Die Escuela Taller Potosi beschäftigt 70 Restaurateure, und es besteht ein jährliches Austauschprogramm mit den Kollegen in Cuzco (Peru).

Ein Auto auf der mit Wasser bedeckten riesigen Salzwüste im Salar de Uyuni.