Sucre - Die Hauptstadt Boliviens

Zitat: "Bolivien Reisekompass" © www.Sebra-Verlag.de, Hamburg;  © Hella Braune und Frank Semper

Sucre ist die verfassungsmässige Hauptstadt des Landes, bedeutende Universitätsstadt und Sitz des Obersten Gerichtshofes.

Die Ciudad Blanca mit den angenehmen Temperaturen hat ihr koloniales und republikanisches Gepräge bis heute bewahrt. Die Farben Sucres sind das Weiss der Wände, das Ziegelrot der Dächer und das mediterrane Blau des Himmels.

Die Kulisse bestimmen die barocken und neoklassizistischen Fassaden von über 30 Kirchen. Eingerahmt wird die Stadt von den beiden Bergen Churuquella und Sicasica.

An der Plaza 25 de Mayo mit der Kathedrale steht die Casa de La Libertad, die Wiege der Republik Bolivien. Die kolonialen Herrenhäuser haben mehrere geflieste Innenhöfe mit einem Brunnen in der Mitte oder einem Orangenhain. Als Regierungssitz im 19. Jahrhundert wollte sich Sucre aber nicht nur auf seinen spanischen Charakter beschränken, sondern nahm Anleihen im Stil der Grande Nation. Obelisken, Triumphbögen und sogar ein Miniatur-Eiffelturm im Parque Bolivar zitieren Paris.

In dieser Stadt geht es niemals hektisch zu. In den Vormittagsstunden räkeln sich die Müssiggänger auf den Parkbänken in der Sonne, am Nachmittag füllen sich die Cafes mit lachenden und diskutierenden Professoren und Studenten.

Stadtgeschichte

Die hügelige Landschaft um Sucre war zu Zeiten des Inkareiches Grenzregion. Hier lebten die Yampäez-Indianer. Die Inka siedelten kriegserprobte Mitayos aus Cuzco und Arequipa an, um die Überfälle der Chiriguano aus dem tiefergelegenen Flachland einzudämmen. Gonzalo Pizarro nahm das Land für die spanische Krone in Besitz, wobei ihn die Yampaez unterstützten, die die Inkaherrschaft abschütteln wollten. Sein Statthalter Capitän Pedro Anzures gründete 1538 Villa de Chuquisaca, die schon bald La Plata hiess, denn in unmittelbarer Nähe wurde Silber gefunden.

Die Stadtentwicklung beschleunigte sich, als 1545 nicht weit entfernt der Silberberg von Potosi entdeckt wurde. La Plata profitierte vom Reichtum der kalten Minensiedlung. In Potosi holte man sich Schwielen an den Händen und die Staublunge, in La Plata Denkerfalten auf die Stirn. Die Minenbesitzer suchten den angenehm warmen Verwaltungssitz zur Erholung auf.

Hier entstand die Schicht der »gente bien«, der feinen Leute. Die Damen kleideten sich wie der andalusische Adel mit dem hohen Kamm im Haar, dem schwarzen Umhang und dem Fächer in der Hand.

1559 wurde der Regierungssitz für Alto Peru, die Audiencia de Charcas, ins Leben gerufen. 1609 erhielt La Plata einen Erzbischof. 1632 wurde die zweite Universität des Vizekönigreiches - nach Lima - gegründet. Die aufblühende Kolonialverwaltung brauchte Juristen. Noch heute gehört die juristische Fakultät zu den wichtigsten Fachbereichen und ist im alten Hauptgebäude untergebracht.

Zentrum der Stadt war die Plaza Mayor mit der Kathedrale, der Zivil- und der Kirchenverwaltung sowie den Häusern der reichsten Encomenderos. Anders als in den übrigen Kolonialstädten, wo die Indianerbezirke vor die Stadttore gelegt wurden, blieb eine Seite des Platzes den Yampaez-Indianern für ihre Häuser vorbehalten. Vielleicht wollten die Spanier den ehemaligen Verbündeten und den traditionellen Besitzern der Stadt auf diese Weise für ihre Hilfe im Kampf gegen die Inka danken. Vielleicht war dies auch nur eine taktische Massnahme, um die Indianerautoritäten unter Kontrolle zu haben. Denn das Zusammenleben von Spaniern und Indianern war in La Plata nicht weniger problematisch als anderswo. Ein beredtes Beispiel für die Spannungen zwischen den beiden Kulturen findet sich in der Kirchenarchitektur. Viele Kirchen gleichen Festungen, die den Weissen im Falle eines Indianeraufstandes Schutz bieten sollten.

1781 erhoben sich die Indianer. Tomas Catari führte die unterdrückten Indios gegen die Stadt. Die Revolte konnte gerade noch niedergeschlagen werden, war aber der Beginn der Unabhängigkeitsbewegung.

Nach der Unabhängigkeit endete die Vorliebe für spanische Mode und der Pariser Schick fand Eingang in die republikanische Gesellschaft von Sucre, wie die Stadt nach dem Tod des ersten Präsidenten hiess.

Sucre entwickelte sich im 19. Jahrhundert zu einer beschaulichen, aber isolierten Hauptstadt und musste die Vorherrschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts an La Paz abgeben.